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Tradition und die Geschichte des Kläpperns an den Kartagen

Die Tradition des Kläpperns in Weißenborn-Lüderode in den Kartagen

Was wären die Kartage vor Ostern in Weißenborn-Lüderode,

ohne unsere Ministranten, die mit ihren Holz-Kläppern, jedes Jahr am Karfreitag und -Samstag durch den Ort ziehen um uns Christen an das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus zu erinnern?

Diese Frage können sich unsere Dorfbewohner wohl selbst beantworten, war diese, über 100 Jahre alte Tradition durch die Corona-Pandemie erstmals seit dem 2.Weltkrieg wieder für 2 Jahre ausgesetzt,2020 und 2021.

Das Kläppern, andern Orts auch als Klöppeln, Klappern, Ratschen oder Räppeln bezeichnet,

ist ein alter Brauch, der einer Überlieferung nach, bereits im Jahre 1482 in einem Coburger Buch beschrieben wurde. Auch in einem Buch des Autors Sebastian Franck aus Tübingen,  wurde  das „Klappern“ bereits  im Jahre 1534  erwähnt. Wie alt dieser Brauch tatsächlich sein könnte, ist leider nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass er sich überwiegend in den katholischen Gebieten etabliert hat.

So bewährt sich das Kläppern bis heute in der Pfalz, im Rheinland, an der Mosel,   in der Rhön,  der Eifel,  in Bayern und Österreich sowie bei uns im Eichsfeld, wenn auch längst nicht mehr in jedem Ort.

Beispielsweise in Dingelstädt, Silberhausen,  Küllstedt, Effelder, Niederorschel, Steinbach, Brehme und Weißenborn-Lüderode wird noch in jedem Jahr gekläppert. Auch in Luxemburg, Gröden und in der Umgebung Tiests(Italien) sowie in Slowenien wird dieser Brauch bis heute noch in der Karwoche fortgeführt.

Einer alten Überlieferung nach heißt es, die Glocken fliegen am Gründonnerstag nach Rom um dort zu beichten und um den Segen des Papstes zu empfangen und kehren erst nach Verkündigung der Auferstehung mit neuer Kraft und Energie zurück.

Tatsächlich schweigen Orgel, Glocken und Altarschellen nach dem Gloria des Abendmahlgottesdienstes am Gründonnerstag, bis sie zum feierlichen Gloria in der Osternacht mit voller Kraft und großem Jubel,  gemeinsam mit der Orgel und den Altarschellen  zur Ehre Gottes wieder erklingen.   Die Altarschellen werden am Gründonnerstag bereits während des Gottesdienstes durch Holzkläppern ersetzt.  Da nun die Glocken schweigen , ziehen die Ministranten am Karfreitag ab 8 Uhr früh,  stellvertretend mit ihren Kläppern durch den Ort,  um die Christen an Christi Leiden und Sterben zu erinnern, aber auch  an die Gebetszeiten des Angulus (Engel des Herrn oder englischer Gruß) und  um zu den Gottesdiensten zu rufen.

Ein Zeitzeuge berichtet, dass es das „Kläppern“ in beiden Orten, Weißenborn und Lüderode bereits vor 1920 gegeben haben soll. Damals traf man sich gemeinsam am höchsten Punkt des Ortes, dies waren Schul- und Bornberg. In ähnlicher Form soll sich Dies in Lüderode zugetragen haben. Leider gibt es darüber jedoch keine adäquate Überlieferung. Erstaunlich ist jedoch, dass selbst nach Zusammenschluss von Weißenborn und Lüderode  , jedes Dorf noch seinen eigenen Kläpper-Rhythmus besaß und noch besitzt. So ist es einem echten „Laroer“ tatsächlich streng untersagt, einen sogenannten „Weißenbörner-Takt“ anzukläppern. Umgekehrt gilt dies auch für die „Wittenbörner“. Die ältesten Ministranten, die sogenannten „Kläpperchefs“ führen die Gruppe des Kläppertrupps an. Sie tragen die Verantwortung und stellen auch Verhaltensregeln auf, um alle Kinder und Jugendlichen auch sicher durch die Kläppertour zu bringen, da sie auch den Straßenverkehr im Visier haben müssen.

Die Tradition des Kläpperns wurde in diesen mehr als einhundert Jahren in unserem Ort nur 2-mal ausgesetzt, dies war zur Zeit des 2. Weltkrieges und mit Beginn der Corona-Pandemie im Jahre 2020.

Als im Jahre 1949 Geld für den Wiederaufbau der 1939 abgebrannten Michaelskirche benötigt wurde, kam Pfarrer Emil Schmallbach auf die Idee, die Ministranten wieder zum Kläppern zu animieren, um damit Spendengelder für den Kirchenwiederaufbau zu sammeln. Seit jener Zeit wurde wieder Jahrzehnte lang regelmäßig an den Kartagen gekläppert. Manch eine Kläpper hat dabei schon mehr als 5 Jahrzehnte auf dem Klöppel, war sie doch bereits beim Urgroßvater und Großvater und sogar beim Vater schon im Einsatz. Die Kläpper, also auch ein Instrument, welches von Generation zu Generation weiter gereicht  und vererbt wird. Wenn diese historischen Kläppern sprechen könnten, was würden sie uns wohl alles berichten können?

In den letzten Jahrzehnten trafen sich alle Ministranten, die im Ortsteil Weißenborn wohnhaft waren an der Ecke der ehemaligen Sparkasse, jetzt Hausarztpraxis Bojanowski. Von dort aus teilte sich der Weißenbörner Trupp in die Gruppen: Oberdorf und Unterdorf ein.

Die Lüderöder trafen sich seit je her beim Kreuz am Zien und zogen in einer großen Gruppe die Hauptstraße in Lüderode, sowie alle Seitenstraßen inklusive des Schildchens, der Geröder-Straße und Gerode entlang. An beiden Tagen wird je um 8, 12 und 18 Uhr, an den Engel des Herrn erinnert. „Wir rufen den englischen Gruß, den jeder Christ beten muss“, so hört man es von den Ministranten.

Am Karfreitag wird zusätzlich zum Kreuzweg um 10 Uhr, „Wir bitten die Christen zum Kreuzweg zu gehen, um Zehn“ sowie zur heiligen Liturgie herbeigerufen.“ Wir rufen die Christen zu hl.Liturgiefeier herbei um 3“. Eine abschließende Runde, sozusagen die Finalrunde, laufen die Ministranten, um zur heiligen Osternacht am Karsamstag um 21 Uhr zu rufen.“ Wir rufen die Christen zur heiligen Osternacht herbei um 9.“ Damit endet die Saison bis zum Karfreitag Morgen des kommenden Jahres.

Zuvor brechen die Ministranten bereits am Vormittag zum Höhepunkt ihres 2-tägigen Einsatzes, dem sogenannten „Auskläppern“ auf. Sowohl in Weißenborn als auch in Lüderode ziehen die Kinder und Jugendlichen mit ihrem Kläppern von Haus zu Haus und kläppern so lange aus, bis die Haustür geöffnet wird. Sie erhalten kleine Spenden und überbringen dem Spender frohe Ostergrüße.

So war dies seit 1949 in unserem Ort in jedem Jahr wieder eine beliebte und stets fortgesetzte Tradition und niemand hätte sich vorstellen können, dass er das Geräusch der hölzernen Kläppern am Karfreitag und Samstag einmal vermissen würde. Dann kam das Jahr 2020 somit die Corona-Pandemie. Plötzlich war alles anders.

Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen, Lockdown, Quarantäne und Abstand halten.

Gottesdienste, die der Pfarrer allein zelebrieren musste, stille Messen ohne Mitchristen, kein Gesang. Kein feierliches Gloria, welches in der Osternacht kraftvoll und freudig aus der Orgel ertönt, um die Freude über die Auferstehung unseres Herrn zum Ausdruck zu bringen.

Ministranten konnten ihren Dienst am Altar nicht mehr ausüben, Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln machten eine christliche Gemeinschaft im Gottesdienst unmöglich. Auch das traditionelle Krippenspiel in der Christmette zu Weihnachten, welches Mitwirkende aus allen Altersgruppen Jahr für Jahr vereinte, fiel der Pandemie schon 2 Jahre lang zum Opfer und somit auch das seit 1949 in jedem Jahr durchgeführte Kläppern. Das Kläppern, eine Tradition die, wie auch das Krippenspiel , Kinder und Jugendliche aus unserem Ort zusammenbringt und die Gemeinschaft im Glauben stärkt, war  nicht mehr möglich. Gemeinschaft, plötzlich eine Gefahr, Abstand und Kontaktverbot, Einschränkungen und Maskenpflicht, um unseren Nächsten zu schützen. Die Karwoche 2020, eine traurige und ernüchternde Zeit. Nichts war mehr wie zuvor.

Nicht nur die Glocken schwiegen ab Gründonnerstag, selbst das „Kläppern“ war in dieser Zeit verstummt. Karfreitag und Karsamstag, nicht nur spirituell, sondern auch greifbar und reell eine Zeit der Trauer und der Stille. Dies änderte sich leider auch im Jahr 2021 zunächst nicht.  Wie auch im Pandemiejahr zuvor blieben die Gotteshäuser an den Kar- und Ostertagen leer. Doch, hat uns diese Zeit nicht vielleicht auch etwas gelehrt? Dinge und Situationen die uns zuvor selbstverständlich erschienen, Gewohnheiten. Waren sie denn wirklich so selbstverständlich?  Oftmals weiß der Mensch erst etwas zu schätzen, wenn es fehlt. Unser Leben vor der Pandemie, unser Handeln, all das, woran wir uns gewöhnt haben, unsere Routine. Sind wir nicht vielleicht sogar zu selbstverständlich damit umgegangen? Die Pandemie hat uns gezeigt, dass es nicht in unserer Hand liegt, dass wir manchen Veränderungen machtlos gegenüberstehen und uns damit arrangieren müssen.

Vieles, was vor der Pandemie uns alltäglich und normal erschien, Feste und Feiern, Brauchtümer, Gewohnheiten, Lebensstile, all das ,was in den letzten 2 Jahren  nicht mehr möglich war, kehrt vielleicht sogar niemals wieder und wenn doch, vielleicht nicht in der Form, wie zuvor.

Doch die Tradition des Kläpperns, die schon Generationen in ihren Bann gezogen und die Kinder und Jugendlichen aus unserem Ort in den Diensten des Herrn verbunden hat, konnte überleben.

Unsere Ministranten waren infiziert. Infiziert, von der Liebe zur Tradition, infiziert von Euphorie und Freude, und vielleicht auch infiziert vom heiligen Geist.

 

Im Frühjahr 2022 lockerten sich trotz weiterhin hoher Inzidenzen die Coronamaßnahmen.

Viele waren bereits genesen oder zumindest geimpft und an der frischen Luft konnte Gemeinschaft wieder lockerer und weniger distanziert stattfinden. Dies nahmen unsere Ministranten zum Ansporn, auch das Kläppern zu reanimieren. Mit großer Euphorie und großer Resonanz konnte man im OT Weißenborn am Karfreitag um 8 Uhr, 21 Ministranten und zukünftige Erstkommunionkinder an der Praxis Bojanowski antreffen, am Zien im OT Lüderode waren es 10 . Groß war auch die Freude der Bewohner, als sie endlich wieder das weithin zu hörende Kläppern vernehmen konnten. “ Da kommen sie wieder“ hörte man aus vieler Munde.

Das Kläppern hat zudem in unserer Gemeinde eine enorme Bedeutung. Zunächst fördert es den Zusammenhalt und die Gemeinschaft der Kinder und Jugendlichen unseres Ortes, verbunden im Glauben und in den Diensten des Herrn. Zum anderen lenkt das Kläppern unseren Fokus wieder auf Das, was wirklich zählt. Es erinnert an das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus.

Es will die Christen ermahnen und zur Buße und Umkehr bewegen.

Jesus Christus hat für uns gelitten.  Leid gibt es überall auf der Welt. Es darf nicht ignoriert werden.

Dies wollten unsere Ministranten in diesem besonderen Jahr, nach 2-jähriger Pause zum Anlass nehmen, um gemeinsam ein Werk der Nächstenliebe zu vollbringen.

So fassten sie den Entschluss auch mal an Kinder und Jugendliche zu denken, denen es nicht so gut geht, wie ihnen.  Wohl wissend, dass sie vielleicht keine Wunder bewirken aber zumindest etwas bewegen können, um solchen Kindern in dieser von Krieg und Pandemie erschwerten Zeit ein wenig Hoffnung und Freude zu schenken, waren sie fest entschlossen, wem ihre Spende zu Gute kommen soll: die Kinder und Jugend -Onkologie und Hämatologie umgangssprachlich Kinderkrebsstation der Universitätsmedizin Göttingen .

Am 22.04.22, eine Woche nach Ostern konnten stellvertretend für alle Ministranten Eva Klapprott, Lina Schindler sowie Nicole Pfafferodt vom Kirchortrat WBL eine hohe Spendensumme von 900 Euro  an Oberärztin Fr.Dr. Ingrid Kühnle  und Simone Mascher Bereichsleitung Pflege der Abteilung pädiatrische Kinder Onkologie und Hämatologie übergeben. Nach genauer Schilderung unserer Tradition und wie diese Spende entstanden ist, konnte Fr. Dr .Kühnle  Diese mit voller Begeisterung entgegen nehmen. Kinder sammeln für Kinder, für schwer kranke Kinder. Ein erstaunliches und außerordentliches Werk der Barmherzigkeit. Ein gemeinsames Projekt unserer Ministranten, dass absolute Hochachtung verdient. Auf die Kinder und Jugend-Onkologie und Hämatologie werden Kinder und Jugendliche mit überwiegend onkologischen Erkrankungen, gut und bösartigen Tumoren sowie Krebserkrankungen behandelt.

Derzeit befinden sich auch ukrainische Kinder, die an Krebs erkrankt sind und vor kurzem erst direkt aus ihrer Heimat in die Klinik gebracht wurden auf der Station. Nicht nur das Handycap dieser schweren Erkrankung erschwert ihr junges Leben, sie müssen zudem aus ihrer Heimat fliehen, die durch den Krieg und die Bomben zerstört wird, ihre Väter dürfen nicht mit ihnen gemeinsam aus der Heimat flüchten und befinden sich weiterhin in Gefahr.  Ein derart großes Leid, welches unsere Vorstellungskraft doch wohl deutlich übersteigen dürfte.

Mit Spendengeldern ist es der Klinik möglich, nicht nur in die Forschung und Optimierung von Therapien zu investieren, sondern auch den   schwer erkrankten kleinen Patienten, auch aus der Ukraine zu helfen, die mit Kleidung ,Spielwaren und Allerlei für den persönlichen Gebrauch ausgestattet werden um ihr Wohlbefinden zu fördern und sie somit bestmöglich, versorgen zu können. 

Welch großartige Geste, die wohl selbst uns Erwachsenen doch immer vor Augen führt, wie stolz wir eigentlich auf unsere Kinder und Jugendlichen sein können.

Allen Spenderinnen und Spendern aus Weißenborn-Lüderode sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt, dass dies durch Ihre Mithilfe ermöglicht werden konnte. Ein großes Dankeschön auch an alle Eltern, die Ihre Kinder in diesen 2 Tagen, in denen Sie im Dorf unterwegs waren, unterstützt und sie auf den Weg geschickt haben. Doch ganz besonders bedanken möchten wir uns bei unseren großen und kleinen Ministranten,

die oftmals zwischen den Einzelnen Touren an beiden Tagen, nur 1 ½ bis 2 Stunden Pause hatten.

Auch unseren diesjährigen Kläpperchefs und ältesten Ministranten möchten wir von ganzen Herzen danken. Mit eurer verantwortungsvollen Aufsicht und Leitung sind alle Mitwirkenden nach dem Kläppern auch wieder sicher und behütet nach Hause zurückgekehrt.

Mit großer Dankbarkeit und großem Stolz blicken wir auf unsere Ministranten. Sie haben trotz einer 2-jährigen Pause eine Tradition gerettet, mit der sie in diesem Jahr soviel Freude und Liebe unter die Menschen bringen konnten, vor allem jedoch den schwer kranken Kindern der Kinderonkologie der Uniklinik Göttingen. 

Dieses Werk ist aller Ehre wert und verdient unser aller Respekt.

Es ist schön, dass es euch gibt. Vergelts Gott und weiter so.

 

Nicole Pfafferodt

Kirchortrat St.Michael Weißenborn-Lüderode

 

 

 

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Tradition und die Geschichte des Kläpperns an den Kartagen (FR, 09. September 2022)

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Veröffentlichung

Fr, 09. September 2022

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